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Parasitäre Ensembles

Linie und Fläche zu Raum. So ist vielleicht zu beschreiben, was die installativen Arbeiten von Karin Hueber zeigen. Allerdings bringt diese Formel weder das für ihre Arbeiten typische Verhältnis von Reagieren, Aushalten und Dehnen noch die innere Grösse ihrer Strukturen oder gar deren Inhalte zum Ausdruck. Die Arbeiten von Karin Hueber sind ohne die Minimal Art, das Environment und die Konzeptkunst der sechziger Jahre nicht vorstellbar, sind aber deren Programmatik nicht verpflichtet. Das Verständnis des Kunstwerks ist instrumentell. Die Arbeit entsteht vor Ort und zunächst als Vorstellung. Architektonische und räumliche Eigenschaften des Ausstellungsraums, aber auch Blickachsen oder vorgefundene Materialien bilden den Ausgangspunkt für den Arbeitsprozess. Die Installationen zeigen den Raum aus einer überraschenden Perspektive, in einem veränderten Massstab, bringen diesen aus dem Gleichgewicht, vervielfältigen oder öffnen Raum. Es geht um eine Wiederholung und Bearbeitung der Situation. Neben dem Raum gehört das Licht als Spiegelung auf  lackierten Platten oder auf Spiegelelementen zu den konstitutiven Elementen des Werks. In einer ihrer älteren Arbeit wird ein Spiegel von zwei Holzelementen so gestützt, dass dieses Stützen nachvollzogen werden kann und zugleich als Trugbild erscheint. Huebers Erleben einer konkreten Situation mündet in meist grosse abstrakte räumliche Arbeiten, die mit kleineren Objekten oder Zeichnungen ergänzt sein können. Diese Arbeiten sind selten Entitäten, die ohne den situativen Bezugsrahmen zu verstehen oder auch nur auszustellen wären. Sie sind auf vielschichtige Weise in die jeweilige Situation eingebunden und verstärken deren Eigenschaften. Ihre Arbeiten sind dennoch nicht ortsspezifisch im eigentlichen Sinne, sondern durchaus autonome Stücke, die jeweils neu installiert werden müssen und nur in der installierten Form als Werk existieren. Die Künstlerin spricht von „parasitären Ensembles“. Die existentielle Dimension, die ihren in der Erscheinung strengen und formalen Arbeiten überraschenderweise eigen ist, hängt damit zusammen. In Amden lässt sie in einer Sägerei lange, filigrane, biegsame Latten aus gehobeltem Tannenholz herstellen und spannt zehn dieser Latten paarweise zwischen Boden und Dachkonstruktion des aus Holz gebauten Hauses. Die Künstlerin spricht von der „schlummernden Unsicherheit“, die dem verbrauchten, verwitterten Gaden eingeschrieben sei und von ihrer Arbeit thematisiert werde. Wie schon bei früheren Arbeiten interessiert sich die Künstlerin auch bei der Intervention in Amden für das Verhältnis von Stabilität und Labilität. In ihrer zweiten Arbeit verbindet sie die zwei Stockwerke des Gadens, indem drei, auf unterschiedlichen Höhen und hintereinander installierte, in einem dunklen Violett lackierte Platten von unten durch eine Öffnung im Boden in die erste Etage ragen. Der Betrachter nimmt Spiegelungen wahr, die sich je nach Lichteinfall und Standort unterscheiden und ihn mit den beiden untereinander verbundenen Innenräumen und dem Aussenraum auf unvorhersehbare, nie integrale Weise in Beziehung bringen. Es gibt keine gültige Ansicht, nur die Erfahrung von Momentaneität. Dieses zugleich analytische und subjektive, an Strukturen, an Kräfteverhältnissen orientierte Verständnis von Kunst verzichtet auf die Verwendung von vorgefertigten Bildern, um Situatives vor Augen zu führen.

Roman Kurzmeyer, Atelier Amden, 2008
Kunstwissenschafter, freier Kurator und Dozent am Institut Kunst an der Hochschule FHNW, Basel